ARZNEIMITTEL DER BESONDEREN THERAPIERICHTUNG - HOMÖOPATHIE

Begriffsbestimmungen

Allopathie

die Heilmethode der Schulmedizin; die Anwendung von Mitteln, die den Krankheitssymptomen entgegenwirken (allo- [gr.] = „anders“; pathos [gr.] = Leiden, Krankheit)

Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen

Phytotherapie

Behandlung von Krankheiten mit pflanzlichen Arzneimitteln (Phytopharmaka)

Phytopharmaka werden sowohl in der Allopathie als auch in anderen Therapierichtungen angewendet

Homöopathie

Behandlung nach der „Ähnlichkeitsregel“: die Anwendung von Mitteln, die beim Gesunden Symptome hervorrufen, die der zu behandelnden Krankheit vergleichbar (ähnlich) sind (homo- [gr.] = gleich; homöo- [gr.] = ähnlich)

Biochemie nach Dr. Schüßler

Krankheiten entstehen durch den Mangel an bestimmten Salzen a die Anwendung des „richtigen“ Salzes in homöopathischer Verdünnung normalisiert die gestörte Zelltätigkeit

Biochemische Tabletten gibt es in drei Potenzen: in D3, D6 und D12 von zwölf Salzen,
z.B. Calcium fluoratum, Ferrum phosphoricum, Natrium chloratum (= Natrium muriaticum)

Homotoxikologie nach Dr. Reckeweg

Lehre der Reaktion des Organismus auf Toxine (Giftstoffe)

verwendet werden insbesondere Kombinationspräparate in Form von Potenzakkorden (ein Arzneistoff in verschiedenen Potenzierungen in einem Arzneimittel)

Hersteller homotoxikologischer Arzneimittel: z.B. Heel, Cosmochema

Spagyrik

Von Paracelsus eingeführter Begriff, von Carl Friedrich Zimpel unter verstärkter Einbeziehung der Homöopathie weiterentwickelt

Prinzip vom „Trennen“ und „Verbinden“; das Wesentliche ist vom Unwesentlichen abzutrennen und so in Essenzen, Spiritussen und Tinkturen enthalten

Anthroposophische Medizin nach Rudolf Steiner

Anwendung von mineralischen, pflanzlichen und tierischen Substanzen nach theoretisch-geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen; 1912 von Rudolf Steiner begründet

„Gesundheit“ ist das Gleichgewicht zwischen den vier Gliedern des menschlichen Wesens: Physischer Körper, Lebens-Organismus, Seelen-Organisation und Geistiges Ich

Hersteller anthroposophischer Arzneimittel: z.B. Weleda, Wala

Herstellungsverfahren: durch Potenzierung (1:10), nach rhythmischen Prozessen (Einfluß von Sonne und Mond), durch Veraschung und Verkohlung und spezielle Düngetechniken mit Mineralsalzen

In der Pädagogik werden Rudolf Steiners Lehren in den Waldorf-Schulen angewendet

Ayurveda

die Anwendung von Arzneimitteln der alten indischen Heilkunst

sie betrachtet den Menschen als ganzheitliches komplexes Wesen in seiner Beziehung zur Umwelt; Krankheiten entstehen durch Ungleichgewicht zwischen den Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum; Unterstützung der Selbstheilungskräfte mit pflanzlichen und mineralischen Präparaten

HOMÖOPATHIE

Begründer:
der Arzt, Apotheker und Chemiker Samuel Hahnemann (Leipziger Hochschullehrer, 1755 - 1843)

Leitsatz der Homöopathie: Similia similibus curentur (Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt)

Beispiele für die Ähnlichkeitsregel

Ø      die Küchenzwiebel (Allium cepa) ruft Augentränen und Naselaufen hervor
a Einsatz in homöopathischer Verdünnung zur Behandlung von Schnupfen und Augentränen

Ø      Kontakt mit blühender Brennessel (Urtica) ruft einen juckenden Nesselausschlag hervor
a Heilung eines Exanthems mit Urtica in homöopathischer Dosis

die Homöopathie ist eine Erfahrungswissenschaft

ü      Arzneimittelprüfungen am Gesunden als Placebo-kontrollierte Doppelblindstudien

ü      Hinweise aus der Volksheilkunde

ü      Wertbestimmung durch die Anwendung beim Kranken

Dosierungslehre, Potenzieren

Potenzieren = stufenweise Vermischung des Arzneistoffs mit der Trägersubstanz (Alkohol od. Lactose); für jeden Verdünnungsschritt muß ein neues Gefäß verwendet werden (Mehrglasmethode)

eigentlich verdünnt man den Arzneistoff immer weiter, aber nach der Lehre der Homöopathie wird die Zubereitung durch das innige Vermischen (Verschütteln oder Verreiben) „potent“, d.h. stark

¨      Dezimalpotenz:                  1:10,                  Zeichen: D

¨      Centesimalpotenz:                  1:100,                  Zeichen: C

¨      LM- oder Q-Potenz:                  1:50.000 0

frühere Bezeichnung: L (=50) M (=1.000), neuere Bezeichnung: Q (quinquagintamillesimal)

Herstellung aus Urtinkturen, Zeichen: Æ

die Angaben D1, D2, D4, C6, C30 oder LM18 etc. geben die Zahl der Verdünnungsstufen an;
keine Stufe darf übersprungen werden

Herstellungsvorschriften stehen im Homöopathischen Arzneibuch (HAB)

Arzneigrundstoffe für Homöopathika

v     Pflanzen und definierte Pflanzenteile, z.B. Arnica, Bellis perennis (Gänseblümchen),
Drosera (Sonnentau), Nux vomica (Brechnuß)

v     Tiere und deren Auscheidungsprodukte, z.B. Apis mellifica (Honigbiene, ganze Biene),
Bufo (Kröte, Gift aus den Hautdrüsen), Lachesis (Schlangengift-Sekret aus den Giftdrüsen der Viper Lachesis)

v     Mineralien, z.B. Silicea (Kieselsäure)

v     Metalle, z.B. Aurum metallicum (Gold), Ferrum metallicum (Eisen)

v     Metallverbindungen, z.B. Magnesium sulfuricum (Bittersalz), Calcium fluoratum (Flußspat)

v     Stoffe chemischen Ursprungs, z.B. Glonoinum (Nitroglyzerin)

v     Nosoden, aus Krankheitsprodukten (z.B. Eiter, schleimiger Auswurf, Erbrochenes) oder Eigenblut hergestellt, sterilisiert, und in höherer Potenz zur Behandlung der gleichen Krankheit angewandte Arzneimittel

 

Wichtige Darreichungsformen der Homöopathie

Urtinkturen Æ
aus Pflanzen durch Auspressen (Preßsaft) oder Mazeration bzw. aus Tieren durch Homogenisieren

Dilutionen
flüssige Verdünnungen aus Urtinkturen bzw. Lösungen
z.B. Herstellung von Arnica D4 Dil.: 1g Arnica D3 Dil. und 9g des vorgeschriebenen Verdünnungsmittels mindestens zehnmal kräftig schütteln

Verreibungen = Triturationen
„Feste Verdünnungen“ mit Milchzucker (Lactose)
Herstellung: < Arzneiträger (Lactose) in drei gleiche Teile teilen; = ersten Teil im Porzellanmörser kurze Zeit verreiben; > Arzneigrundstoff hinzufügen und 6 Minuten verreiben, 4 Minuten abschaben, 6 Minuten verreiben, 4 Minuten abschaben; ? zweites Drittel Arzneiträger zusetzen und 6 Minuten verreiben, 4 Minuten abschaben, 6 Minuten verreiben, 4 Minuten abschaben; @ Rest Arzneiträger zusetzen und 6 Minuten verreiben, 4 Minuten abschaben, 6 Minuten verreiben, 4 Minuten abschaben;
Æ für einen Verdünnungsschritt mindestens eine Stunde Arbeitszeit!

Tabletten
aus Verreibungen durch Verpressen
ggf. dürfen Hilfsstoffe, z.B. Stärke (als Sprengmittel) und Magnesiumstearat (als Gleitmittel) zugesetzt werden
Bezeichnung des Verdünnungsgrades entsprechend der verwendeten Verreibung

Streukügelchen = Globuli
durch Übertragen einer Dilution auf Saccharosekügelchen:
100 Teile Saccharosekügelchen werden mit einem Teil Dilution gleichmäßig befeuchtet und an der Luft getrocknet
Bezeichnung des Verdünnungsgrades entsprechend der verwendeten Dilution

Injektionslösungen, Ampullen
muß der Monographie „Parenteralia“ des DAB 1997 entsprechen
für die letzten Potenzierungsschritte wird Wasser für Injektionszwecke verwendet

Flüssige Einreibungen, Essenzen
Tinkturen zum äußerlichen Gebrauch
z.B. Thuja ad usum externum gegen Warzen

Salben
streichbare Zubereitungen von Urtinkturen, Dilutionen, Lösungen oder Triturationen in einer Salbengrundlage (i.d.R. Wollwachsalkoholsalbe) im Verhältnis 1:10
Bezeichnung der Urtinktur bzw. des Verdünnungsgrades entsprechend der eingearbeiteten Zubereitung

Suppositorien
einzeldosierte Zubereitungen von Urtinkturen, Dilutionen, Lösungen oder Triturationen in einer Suppositoriengrundlage (i.d.R. Hartfett) im Verhältnis 1:10
Bezeichnung der Urtinktur bzw. des Verdünnungsgrades entsprechend der eingearbeiteten Zubereitung

Augentropfen
muß der Monographie „Augentropfen“ des DAB 1997 entsprechen
für die letzten Potenzierungsschritte wird Wasser für Injektionszwecke verwendet

Mischungen
aus flüssigen und/oder festen Zubereitungen und/oder Arzneigrundstoffen durch Mischen hergestellt
aus diesen Mischungen können alle Darreichungsformen hergestellt werden
z.B. Pentarkane (DHU), Oligoplexe (Madaus), Präparate der Firmen Heel, Hevert etc.

Dosierung

individuell! Folgende Dosierungsrichtlinien gelten:

Stadium der Krankheit

Wiederholung der Einzeldosis

Akut

halbstündlich oder stündlich

Subakut (= weniger heftig)

alle zwei Stunden

Chronisch

2 – 3 mal täglich und seltener

Je höher die Potenz, desto seltener wird die Arznei gegeben

Wirkdauer: bis D12: 2-3 Stunden, C30: 24-48 Stunden, C200: Tage bis Wochen, M: hält Monate!

Äquivalente Einzeldosis:

Dilution

3 – 5 – 7 Tropfen

vor dem Essen im Mund zergehen lassen (nicht ganz schlucken, kauen oder lutschen) perlinguale Resorption; bei zwei Mitteln eins vor und eins nach dem Essen

Trituration

1 Messerspitze

Tabletten

1 Tablette

Globuli

3 – 5 – 7 Streukügelchen

Ampullen

1 Injektion

 

in der Kinderheilkunde bevorzugt Globuli

wegen des Ethanolgehaltes Dilutionen nicht bei Alkoholabhängigen, Säuglingen, Kleinkindern sowie während der Schwangerschaft und Stillzeit

Möglichkeiten und Grenzen der Homöopathie

1.    mögliche Indikation
bei vielen akuten und chronischen Krankheiten, z.B. Rhinitis (Schnupfen), Ekzemen, niedrigem Blutdruck, Schwindel, chronischen Harnwegsinfekten, Nervosität

2.    relative Indikation
z.B. akute, aber primär nicht gefährliche Infektionskrankheiten, wenn die Immunitätslage des Patienten gut ist (statt Antibiotika)

3.    keine Indikation
z.B. Lungenentzündung (Antibiotikum notwendig), Diabetes mellitus (bei der Zuckerkrankheit muß Insulin, das der Organismus nicht selbst produziert, ersetzt werden)

Rechtliche Stellung im Arzneimittelgesetz (AMG §§ 38, 39)

homöopathische Arzneimittel zur Einnahme oder äußerlichen Anwendung erhalten - soweit sie nicht rezeptpflichtig sind - keine Zulassungsnummer, sondern eine Registriernummer; d.h. sie werden in ein bei der zuständigen Bundesoberbehörde (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, BfArM) zu führendes Register für homöopathische Arzneimittel eingetragen

Homöopathische Arzneimittel aus verschreibungspflichtigen Stoffen sind ab D4 verschreibungsfrei

Literatur

&   Knoellinger, S. 293f.

&   Wiesenauer, Berger: Homöopathie-Beratung (DAV)

&   Wiesenauer: Homöopathie für Apotheker und Ärzte

&   HAB1 (Homöopathisches Arzneibuch)

&   „Graue Liste“ der homöopathischen Arzneimittel

&   Homöopathisches Repetitorium der DHU (Deutsche Homöopathie-Union)